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Frau hält Handy vor sich und nimmt ein Selfie auf

Tarifdschungel bei zahlreichen Mobilfunktarifen

Die meisten Anbieter rechnen Handygespräche nur nach vollen Minuten ab, zeigt eine umfangreiche Untersuchung der Arbeiterkammer. Auch beim mobilen Internet werden oft große Datenmengen verrechnet, die nicht immer dem tatsächlichen Verbrauch entsprechen. Die Konsumentenschützer fordern nun eine sekunden- und bytegenaue Abrechnung von erbrachten Leistungen und damit eine bessere Vergleichbarkeit von Mobilfunktarifen.

Test

113 Handytarife und 76 Tarife für mobiles Internet hat die Arbeiterkammer in einer umfangreichen Erhebung untersucht. Allein diese Zahlen zeigen, wie schwierig es für Verbraucher sein kann, den Überblick zu bewahren und die einzelnen Angebote auch nur annähernd vergleichen zu können.

Vielfalt macht Tarife unübersichtlich

"Man könnte vordergründig meinen, das ist ein Ausdruck von Vielfalt und der Verbraucher sucht sich das für ihn Passende raus. Im Grunde genommen ist es aber in hohem Maße intransparent", sagt Daniela Zimmer von der Arbeiterkammer Wien. Sie kritisiert zum Beispiel die Gesprächsabrechnung nach vollen Minuten. 15 von 17 untersuchten Anbietern machen das, anstatt die tatsächlich telefonierten Sekunden zu verrechnen.

Als Beispiel nennt Zimmer eine Tarifvariante mit 20 Cent pro Minute. Bei einem Anruf in ein Fremdnetz, bei dem man in der Mobilbox landet und sofort auflegt, zahle man bei einem Tarif mit Sekundentaktung für die eine Sekunde 0,33 Cent. Bei der Minutentaktung wären es 20 Cent. In diesem Fall seien die Verbindungskosten bei der Minutentaktung 60 mal so hoch wie die Verbindung mit einer Sekundentaktung, so Zimmer.

Datenpakete von Kilo- bis Megabyte

Sendungshinweis:

"Help", das Ö1-Konsumenten- magazin, jeden Samstag um 11.40 Uhr in Radio Österreich 1

Noch mehr als beim Telefonieren kann die Taktung beim Mobilen Internet ins Gewicht fallen. Hier gibt es Tarife, die etwa in Blöcken von ganz unterschiedlich vielen Kilobyte verrechnen - bis hin zu einem Megabyte. "Vor allem punkto Datennutzung muss man schon sagen, dass die Verrechnungen derart uneinheitlich sind, dass es für den Verbraucher sich lohnt, auch die Datentaktung zu erfragen und im Zweifel jenen Tarif zu wählen, der verbrauchsgenauer ist", erklärt die Konsumentenschützerin.

Anbieter sehen keinen Handlungsbedarf

A1 mit bob und yesss!, T-Mobile und tele.ring, Drei, HoT, Red Bull Mobile, S-Budget, UPC, spusu, Ge org!, wowww!, yooopi!, VOLmobil, Allianz und eety - das sind 17 Anbieter mit unterschiedlichen Produkten und Tarifen. Help.ORF.at hat bei den drei großen Anbietern nachgefragt. A1 verweist auf seine Tarife mit unlimitierten bis großzügig inkludierten Einheiten und bietet auch einen Tarif mit bytegenauer Abrechnung an. Die Notwendigkeit einer einheitlichen Taktung für alle Tarife sehe man aktuell nicht. Ähnlich argumentiert T-Mobile mit unlimitierten Minuten und Daten. Aufgrund des sich gerade stark veränderten Nutzungs- und Surfverhalten der Kunden würden Taktungen immer unwichtiger.

Und Drei verweist auf seinen Tarif mit sekundengenauer Verrechnung - dieser werde von Kunden aber kaum gewählt. Daniela Zimmer entgegnet: "Es gibt sicherlich Tarife, wo eine sekundengenaue Abrechnung als Option möglich ist. Allerdings zahlt man dann für diese Tarife mehr, und für den Verbraucher erschließt sich einfach nicht, wie groß die Kostenvorteile sind, wenn er einen vordergründig ungünstigeren Tarif wählt, der sekundengenau abgerechnet wird." Ohne Gegenüberstellung, wie hoch die Kostenvorteile sind, werde der Verbraucher dann im Zweifelfall den Tarif wählen, der vordergründig nominell die niedrigeren Preise hat. Es geht den Verbraucherschützern also um möglichst einheitliche und verbrauchsgenaue Tarife.

RTR verweist auf Daten- und Minutenpakete

Die Telekom-Regulierungsbehörde RTR relativiert gegenüber help.ORF.at: "Natürlich sind sekunden- bzw. bytegenaue Abrechnungen zum Vorteil der Kundinnen und Kunden zu begrüßen. Auch würde sich bei einer einheitlichen Taktung die Vergleichbarkeit von Produkten sicherlich erhöhen. Andererseits verliert in Zeiten der großen Daten- bzw. Minutenmengen, die in Paketen inkludiert sind, dieses Thema immer mehr an Bedeutung."

Viele Nutzerinnen und Nutzer fänden mit diesen Produkten das Auslangen, ohne auch nur in die Nähe der vereinbarten Grenzen zu kommen, so die RTR weiter. Man habe diesbezüglich so gut wie keine Anfragen oder Beschwerden und sehe hier derzeit keinen Handlungsbedarf. Doch AK-Expertin Zimmer bleibt dabei: "Letztlich erhoffen wir uns von einer der nächsten Novellen zum Telekomgesetz, dass dieses Anliegen aufgegriffen wird."

Bis dahin sollten Konsumenten bei ihren Tarifen genau auf die Datentaktung achten und bei ähnlicher Leistung möglichst niedrige Taktungen wählen. Und große Datenpakete könnten bei schlechter Verbindung und automatischem Wechsel zwischen WLAN und eigenem Netz schnell aufgebraucht sein.

Keine Gesetzesänderung "erforderlich"

Auf Anfrage von help.ORF.at schreibt das für das Telekommunikationsgesetz zuständige Verkehrsministerium (BMVIT): Es sei verpflichtend, dass Kunden vor Vertragsabschluss genau über Preise, Tarife und Abrechnungsarten informiert werden. Das sei ausreichend und eine darüber hinausgehende Regelung derzeit nicht erforderlich.

Kristina Singer, help.ORF.at

21.05.2016