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Ein Mann füllt eine Waschmaschinentrommel mit Wäsche

Geplante Obsoleszenz: Eine logische Folge gesättigter Märkte

Warum gehen Geräte wie Handys, Fernseher und Waschmaschinen eigentlich so schnell kaputt? Sepp Eisenriegler, Gründer und Geschäftsführer des Reparatur- und Service-Zentrums (R.U.S.Z.) in Wien, kann belegen, was viele schon irgendwie ahnten: Dahinter steckt Absicht.

Nachhaltigkeit

Eisenriegler empfängt help.ORF.at im Verkaufsraum des R.U.S.Z.. Dort sind die Waschbottiche zweier Waschmaschinen aufgestellt.

Sepp Eisenriegler: Das ist eine langlebige, reparierbare Waschmaschine, die ohne weiteres 20 Jahre ihren Dienst tut. Man sieht, die hat einen Edelstahlbottich. Das Lager ist hier in Gusseisen gelagert, und sollte es je kaputt werden, kann man es sehr leicht tauschen. Bei diesem Gerät dagegen, das ist der Innenteil einer Wegwerfmaschine, wie ich sie schon nenne, besteht der Bottich aus Kunststoff, der Lagersitz ist ebenfalls aus Kunststoff. Wenn das Lager einmal kaputt wird, schlägt auch der Lagersitz aus, und dann hat ein Lagerwechsel überhaupt keinen Sinn. Das Problem dabei ist: Diese Maschinen sind zu 80 Prozent mit zu schwachen Stoßdämpfern ausgestattet. Dass dieses Lager kaputtgeht, ist programmiert.

help.ORF.at: Woran erkenne ich das als Kunde, wenn ich eine Waschmaschine öffne?

Eisenriegler:
Da müssen Sie schon wissen, wie man schaut. Sie könnten zum Beispiel den sogenannten Gummibalg zur Seite ziehen, aber das ist gar nicht so einfach. Durch die Ablauflöcher sehen Sie den Bottich, in diesem Fall: Edelstahl. Das sieht man, wenn man diese Gummimanschette zu sich zieht, vom Bullauge aus gesehen, dann kann man das kontrollieren.

Eisenriegler führt vom Verkaufsraum des R.U.S.Z. hinter die Kulissen ins Besprechungszimmer. Auch für die gerade demonstrierte Billigwaschmaschine gebe es Ersatzteile, sagt er im Gehen, nur müsse man, sollte das Lager der Trommel kaputtgehen, alles drumherum mitkaufen: Bottich, Trommel etc. Das Teil kostet dann rund 250 Euro im Einkauf, mit Arbeitszeit ist die 300-Euro-Grenze leicht überschritten - und eine Reparatur unwirtschaftlich, weil um diese Summe bereits eine neue "Wegwerfwaschmaschine" zu haben ist.

"Je teurer, umso reparierbarer"

Eisenriegler: Man erkennt es auch am Preis. Also, bei Haushaltsgeräten stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis weitgehend. Man kann sagen: Je teurer die Waschmaschine, umso langlebiger, umso dauerhafter, umso qualitätsvoller, aber auch umso leichter reparierbar ist sie.

Die Marke sage dagegen immer weniger über die Qualität der Geräte aus, sagt Eisenriegler. Auch auf klingende Namen ist im unteren Preissegment kein Verlass. Waschmaschinen sind nur ein Beispiel für belegbar geplanten Verschleiß. Eisenriegler greift zu einer Tonerkartusche für einen Laserdrucker. Nach 15.000 Ausdrucken meldete das Gerät: Kartusche leer.

Eisenriegler: Wir haben ja gemerkt, da ist noch Toner drinnen, und gar nicht so wenig. Und da haben wir uns das ein bisschen genauer angeschaut. Das kann man öffnen, und dann sieht man hier hinter einer Federspange einen Drehknopf, der verbunden ist mit Zahnrädern. Der Knopf ist ein Zählwerk. Wenn man diese Feder löst und diese Schraube zurückdreht, dann macht man ein klassisches Reset. Dieses Reset bewirkt, dass der Toner weiter verwendet werden kann, die Tonerkartusche weiß nicht mehr, wo sie ist, und fängt wieder bei null an. Das haben wir jetzt weitere 15.000-mal gemacht, ohne dass die Ausdrucke schlechter geworden wären. Dann haben wir diese Tonerkartusche ein zweites Mal "resetet". Wir sind jetzt bei knapp 45.000 Ausdrucken, und das funktioniert noch immer.

help.ORF.at: Warum sollten Firmen so etwas machen?

Eisenriegler: Das hat damit zu tun, dass man damit Profite steigern kann. Das ist so wie bei elektrischen Zahnbürsten oder wie bei Kaffeekapselmaschinen: Da verdient ein Unternehmen nicht am eigentlichen Produkt, sondern daran, dass es diese Verschleißteile sehr teuer verkauft. Teuer verkaufen können muss man sagen, denn die Konsumenten kaufen es ja. Es geht sogar so weit, dass es manchmal lohnender ist, einen ganzen Drucker inklusive Kartuschenset zu kaufen als nur die Kartuschen alleine.

Die Hersteller hätten ihm gegenüber die Existenz geplanter Obsoleszenz abgestritten, sagt Eisenriegler. Dafür sei der Begriff der „optimierten Gebrauchsdauer“ gefallen - was für ihn jedoch dasselbe bedeutet.

"Mit dem Kostenargument können Hersteller nicht kommen"

Neben der Druckerkartusche liegen zwei weitere Anschauungsobjekte vor ihm auf dem Tisch, eines davon ist das geöffnete Netzteil eines Flachbildschirmfernsehers. Mit "fataler Genauigkeit", wie Eisenriegler sagt, geben diese Teile nach zirka zweieinhalb Jahren und Ablauf der Gewährleistungspflicht den Geist auf. Schuld sind unterdimensionierte Kondensatoren, im Jargon Elkos genannt, die der Hitze in einem Netzteil nicht gewachsen sind.

Eisenriegler: Mit dem Kostenargument kann ein Hersteller nicht kommen, denn würde er alle diese Elkos in einer besseren Qualität verwenden und einbauen, dann würden diese Fehler gar nicht auftreten, und es würde in der Produktion maximal zehn Cent ausmachen.

Eisenriegler weiß das so genau, weil im R.U.S.Z. genau das gemacht wird: defekte, unterdimensionierte Kondensatoren durch besser geeignete Bauteile ersetzen.

Nächstes Beispiel: Vor Eisenriegler liegt die Hauptplatine eines Laptops.

Eisenriegler: Sie sehen hier ein schönes Beispiel für ein austauschbares Teil und für eines, das nicht austauschbar ist. Das austauschbare, das nennt man von der Bauweise her gesockelt, das ist der Prozessor. Nur: Der Prozessor wird ja nie kaputt. Kaputt wird fast immer die Grafikkarte, und die ist hier aufgepresst am Motherboard, und die können Sie mit einem normalen Reparaturaufwand einfach nicht tauschen.

help.ORF.at: Wie erkenne ich das beim Kauf?

Eisenriegler: Da sollten Sie dann wirklich in ein Fachgeschäft gehen und den Verkäufer so lange quälen, bis er diese technische Spezifikation herausgefunden hat, sollte er es nicht wissen, und danach ihre Kaufentscheidung ausrichten.

"Reduzieren wir halt die Nutzungsdauer"

help.ORF.at: Stimmt es vielleicht, das früher alles besser war?

Eisenriegler: Also, bei diesen Beispielen - jetzt abgesehen davon, dass Laptops erst vergleichsweise kurz auf dem Markt sind, im Vergleich zu einer Waschmaschine - würde ich sagen: ja. Die Optimierung für die Hersteller im Sinne von "wie kann ich viel verkaufen" hat erst stattgefunden, seitdem eine gewisse Marktsättigung eingetreten ist. Die haben wir eindeutig bei Haushaltsgeräten. Über 90% aller österreichischen Haushalte sind bereits mit einer Waschmaschine ausgestattet. Da fragt sich ein Hersteller natürlich: Wer kauft jetzt noch eine? Dann könnte ihm so etwas einfallen, wie: Na ja, dann reduzieren wir halt die durchschnittliche Nutzungsdauer.

Als das R.U.S.Z. 1998 eröffnete, lag die durchschnittliche Lebensdauer von Waschmaschinen bei zwölf Jahren, sagt Eisenriegler. Heute liegt sie seiner Erfahrung nach im Schnitt bei etwa der Hälfte, billige Geräte hielten sogar nur knapp drei Jahre. Ähnliches gelte für fast alle Arten von Elektrogeräten. Kaum ein Hersteller könne es sich leisten, auf das lukrative Billiggeschäft zu verzichten.

Eisenriegler: Dass alle in dieses Billigsegment reingehen, daran sind schon zum Teil wir als Konsumenten schuld. Eine kaufmännische Rechnung würde sagen: Wenn ich eine Waschmaschine kaufe, die 20 Jahre hält, dann kostet die 1.000 bis 1.200 Euro. Wenn ich aber 20 Jahre mit Wegwerfwaschmaschinen waschen möchte, dann brauche ich sieben davon in derselben Zeit, und das kostet mich 2.100 Euro. Da kann man nur mehr mit mangelnder Liquidität argumentieren, aber nicht mit: "Wie wasche ich billiger?".

22.12.2012