Standort: help.ORF.at / Meldung: "Kleidung aus dem Bangladesch Europas"

Vor einem Gescdhäft werden Hemden zum Verkauf angeboten

Kleidung aus dem Bangladesch Europas

"Made in Europe" - zumindest beim Kauf von Kleidung muss dieser Hinweis mittlerweile auch als Warnung gelesen werden. Denn in osteuropäischen Ländern seien die Produktionsbedingungen teilweise schlechter als im asiatischen Raum, warnte die Nichtregierungsorganisation (NGO) Clean Clothes.

Textilbranche

Ein T-Shirt für drei Euro, eine Hose für zehn und Schuhe für zwölf Euro: Mit solchen Preisen locken Billigketten die Kunden in ihre Filialen, und das vielfach mit Erfolg. Noch nie war der Preisvergleich für Konsumenten so einfach wie heute. Und noch nie war es so einfach, Mode extrem günstig zu kaufen. Doch wollen die Verbraucher herausfinden, unter welchen Bedingungen die Kleidung produziert wurde, erfahren sie meist nur wenig.

Skandale offenbaren Produktionsbedingungen

Erst wenn sich ein handfester Skandal ereignet, werden Probleme in der Textilindustrie offensichtlich. So etwa der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im April 2013: 1.127 Menschen waren bei dem Unfall getötet und mehr als 2.400 verletzt worden. 28 Markenunternehmen hatten dort Kleidung produziert. "Made in Bangladesh" bedeutet seither für immer mehr Verbraucher eine Warnung beim Modekauf.

Um dieses Problem zu umgehen, verlagerten einige große Bekleidungshersteller ihre Produktion in den Osten Europas. Die Produktionsbedingungen hätten sich jedoch nicht wirklich verbessert, sagte Michaela Königshofer von der Clean Clothes Kampagne (CCK): "In Asien und in Europa gibt es Staaten, in denen die Textilarbeiter und -arbeiterinnen bei Weitem keine existenzsichernden Löhne erhalten."

Mindestlöhne unter der Armutsgrenze

Die NGO Clean Clothes errechnete, dass die Mindestlöhne der Textilarbeiterinnen in Bangladesch nur 19 Prozent von dem ausmachen, was als existenzsichernd gilt. In Rumänien ist das Verhältnis gleich schlecht, in Bulgarien werden sogar nur 18 Prozent des Existenzminimums bezahlt - in beiden EU-Ländern sind diese Mindestlöhne gesetzlich festgelegt.

In Rumänien und Bulgarien produzieren jedoch nicht nur Billigmarken. Auch Designerlabels nützen die gesetzlich festgelegten Niedriglöhne aus. Teurere Kleidung zu kaufen schützt die Konsumenten also nicht davor, schlechte Arbeitsbedingungen zu unterstützen. "Leider gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem, was man im Geschäft bekommt und dem Lohn, den die Arbeiterin erhält", so Königshofer. Das führe dazu, dass auch hochpreisige Marken Löhne bezahlen würden, die unter der Armutsgrenze liegen.

Wie viel ist ein T-Shirt wert?

Gleichzeitig gebe es aber viele Konsumenten, die nicht bereit seien, mehr als fünf Euro für ein T-Shirt auszugeben. Die Preise, an die sich die Verbraucher gewöhnt hätten, würden die aufwendige Produktionskette nicht widerspiegeln, so Königshofer weiter: "Man hat Baumwolle, die angepflanzt wird, die sehr wasserintensiv ist, die sehr viele Pestizide braucht. Das Ganze wird dann weiterverarbeitet. Genäht wird es dann am Schluss der Produktionskette."

Dahinter steckt also ein hoher logistischer Aufwand: Die Baumwolle wird zum Beispiel in den USA angepflanzt, der Stoff in Indien hergestellt, dann in China gefärbt und in Bulgarien zusammengenäht. Selbst ein simples Kleidungsstück wie ein T-Shirt reist einmal um den Globus, bevor es in Österreich in den Regalen landet.

Aufwand nicht sichtbar

Dass die Konsumenten diesen Aufwand nicht sehen könnten, verwundert die Soziologin Monica Titton nicht. Die Bekleidungsindustrie tue viel dafür, um diese Zusammenhänge zu verschleiern. "Das ist auch ein Effekt des neoliberalen Kapitalismus, der diese Vorgänge maskiert und die Konsumenten eben als reine Konsumenten erzieht", sagte Titton.

"Gut erzogene" Konsumenten würden vor allem eines wollen: mit der Mode gehen und ihren Kleiderschrank mindestens zweimal im Jahr mit den neuesten Trends aufstocken. "Fast Fashion", also "schnelle Mode", ist hier das Schlagwort, das diese Entwicklung beschreibt. Dabei würde es die Endverbraucher nur knapp 30 Cent mehr kosten, wenn ein T-Shirt unter fairen Bedingungen produziert würde, wie die CCK errechnete.

Verantwortung bei Politik und Wirtschaft

Aus diesem Grund sieht die Soziologin Titton die Verantwortung bei Politik und Wirtschaft und nicht bei den Konsumenten. "Man muss auf einer legislativen Ebene einschreiten und die Wirtschaft mit entsprechenden Gesetzen einschränken", so Titton. Sonst werde sich nichts ändern.

Die sogenannten Billiglohnländer sind auf die Textilproduktion angewiesen. Diesen wichtigen Industrialisierungsschritt dürfe man den Staaten nicht nehmen, betonte die Soziologin. Gibt es keine entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen, dann zieht die Textilindustrie einfach weiter.

"Label Check" als Unterstützung

Wer als Konsument dennoch Verantwortung übernehmen möchte, kann das zum Beispiel mit Hilfe von Kleidungsgütesiegeln tun. Die CCK bietet mit dem "Label Check" eine Übersicht der wichtigsten Gütesiegel zu fairen und ökologischen Produktionsbedingen. Und im "Firmen Check" der NGO erfahren Konsumenten mehr über die einzelnen Marken.

Mehr zum Thema:

04.07.2015