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Zwei Autofahrer fahren hintereinander auf dem linken Fahrstreifen, der rechte Fahrstreifen ist leer

Die liebe Not mit dem Rechtsfahrgebot

Kaum etwas regt Autofahrer so auf, wie notorische Linksfahrer. Allein in Niederösterreich werden jährlich über 8.000 Geldstrafen gegen „Links- und Mittelstreifenpicker“ verhängt. Denn wer auf der Autobahn hartnäckig links fährt, behindert nicht nur den Verkehrsfluss und sorgt für den berühmten „Stau aus dem Nichts“, sondern provoziert auch gefährliche Überholmanöver. Help.ORF.at hat nachgefragt, was hinter dem weit verbreiteten Phänomen steckt.

Verkehr

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Blickt man auf Österreichs Autobahnen, könnte man manchmal meinen, man befindet sich mitten im britischen Linksverkehr. Während sich die Autos auf dem zweiten und dritten Fahrstreifen dicht an dicht drängeln, hätte man auf der ersten Fahrspur freie Fahrt – hätte. Denn erlaubt ist das Rechtsüberholen nicht.

„Die StVO regelt das ganz klar, wenn es die Verkehrslage zulässt, dann habe ich mich rechts zu halten. Auch wenn mehrere Fahrstreifen vorhanden sind und der rechte Fahrstreifen ist frei, muss ich den rechten Fahrstreifen benutzen“, so Ferdinand Zuser, Chef der niederösterreichischen Verkehrspolizei gegenüber help.ORF.at.

Zwei Autofahrer fahren hintereinander auf dem linken Fahrstreifen, der rechte Fahrstreifen ist leer
Das konsequente Fahren auf der linken Fahrspur kann man in Österreich oft beobachten

Freie Wahl des Fahrstreifens nur im Ortsgebiet

Ausnahme ist der Kolonnenverkehr. Wenn das Verkehrsaufkommen hoch ist, etwa im dichten Berufsverkehr oder an Baustellen, darf die Kolonne auf dem rechten Fahrstreifen auch einmal an der linken Blechlawine vorbeifahren. Ein einzelnes Fahrzeug darf aber nicht rechts überholen. Die freie Wahl des Fahrstreifens haben Autofahrer nur im Ortsgebiet. Ist man etwa am Wiener Gürtel unterwegs, kann jede Spur zum Fahren genutzt werden. Überholen darf man aber auch hier nur links. Stadtautobahnen wie die Wiener Südosttangente zählen allerdings nicht zum Ortsgebiet, hier gilt wieder das Rechtsfahrgebot.

Eilige Drängler versus unsichere Wenigfahrer

Doch was steckt hinter dem Phänomen Linksfahren und vor allem – wer sind die vielen Linksfahrer und was bringt sie dazu? Vor einigen Jahren hat sich die Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien gemeinsam mit dem ÖAMTC und Verkehrspsychologen des Instituts Factum in einer großen Studie dem Thema gewidmet. Im Wesentlichen wurden zwei große Gruppen von Linksfahrern ausgemacht.

„Das eine sind die aktiven Linksfahrer, die schnell vorankommen wollen. Sie fahren durchaus auch auf andere auf, wenn diese langsamer vor ihnen unterwegs sind und werden gegebenenfalls zum Drängler“, erklärt Wolfgang Berger vom Institut für Verkehrswesen an der BOKU Wien. Zu dieser Gruppe zählten vor allem Vielfahrer, oft Männer mittleren Alters, da diese häufig etwa aus beruflichen Gründen viel unterwegs seien und schnell vorankommen wollten.

Im Gegensatz dazu steht die andere Gruppe der passiven Linksfahrer. „Das sind Personen, die eher über wenig Fahrpraxis auf der Autobahn verfügen. Oft sind das ganz junge oder auch ältere Verkehrsteilnehmer“, so Berger. Das Linksfahren sei hier weniger ein absichtlich bösartiges oder rücksichtloses Verhalten, sondern diene eher der eigenen Bequemlichkeit und entstehe aus einer gewissen Unsicherheit wegen mangelnder Fahrroutine.

Linksfahrer als schleichende Gefahr

Stures Linksfahren auf Autobahnen führt nicht nur zum berühmten „Stau aus dem Nichts“, bei dem der Verkehrsfluss durch ständige Brems- und Beschleunigungsmanöver sowie abrupte Fahrstreifenwechsel in Unruhe und in weiterer Folge nahezu zum Erliegen gebracht wird. Auch brenzlige Situationen und Unfälle können schnell entstehen. Laut Verkehrsforscher Berger möglicherweise gar nicht so wenige, auch wenn das nur schwer nachzuweisen sei.

„Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Mittelstreifenkleber, der hinter sich Unruhe und Überholdruck auslöst, zum Dichtauffahren verleitet. Und irgendwo sechs, acht oder zehn Fahrzeuge weiter hinten kommt es dann beim Fahrstreifenwechsel oder wegen zu dichten Auffahrens zu einem Unfall“, so Berger. Dass der Anlass, nicht die Ursache, für den Unfall 200 Meter weiter vorne jemand gewesen sei, der das Rechtsfahrgebot nicht beachtet habe, sei de facto unmöglich zu ermitteln, aber vermutlich oft so.

Lichthupe nur in Gefahrensituation

Was also tun gegen hartnäckige Links- und Mitteblockierer? Die weit verbreitete Methode, Linksfahrer mit der Lichthupe zum Streifenwechsel zu bewegen, kann zwar zum Erfolg führen - erlaubt ist sie aber nicht. „Die Lichthupe ist nur zulässig, um auf eine Gefahrensituation aufmerksam zu machen“, stellt Zuser klar. Es gebe zwar im Einzelfall immer wieder Diskussionen, ob nun eine Gefahrensituation vorgelegen habe oder nicht. „Die Lichthupe dazu zu verwenden, um sich den Weg freizumachen, das ist sicher nicht vorgesehen.“

Die einzig legale Möglichkeit sei es, sich hinter den Linksfahrer einzureihen und darauf zu hoffen, dass dieser einen im Rückspiegel wahrnehme und den Fahrstreifen freigebe. „Keinesfalls zulässig ist das dichte Auffahren, das ist einerseits verboten und andererseits sehr gefährlich. Auch rechts zu überholen ist nicht zulässig. Die eine Übertretung rechtfertigt nicht eine andere Übertretung“, so Zuser.

Polizeiauto auf der Autobahn
20 Wagen der Polizei patrouillieren jeden Tag auf den 600 Kilometern Autobahn in NÖ

"Lückenspringen" muss man nicht

8.000 bis 9.000 Geldstrafen werden pro Jahr allein in Niederösterreich gegen Linksfahrer verhängt. Kostenpunkt: mindestens 30 Euro. Das Drängeln und Rechtsüberholen kostet je nach Situation 50 Euro und mehr. Die Höhe der Geldbuße kann von Bundesland zu Bundesland variieren. Im Vergleich: Wegen zu hoher Geschwindigkeit kommt es in Niederösterreich jährlich zu über einer Million Strafmandaten.

Eine genaue Definition, wie lange man sich auf der linken Autobahnseite aufhalten darf, gibt es im Gesetz nicht. „Man muss freilich nicht wie ein Lückenspringer zwischen den Fahrstreifen hin und her wechseln“, so Zuser von der Verkehrspolizei NÖ. Aber grundsätzlich sei die Rechtsfahrordnung einzuhalten.

Auch für "Oberlehrer" gilt Rechtsfahrordnung

Das gelte auch für Fahrer, die glauben, andere erziehen zu müssen. „Es gibt manche, die fahren 130 km/h und meinen, es muss ja egal sein ob sie ganz links fahren oder nicht, weil man ohnehin nicht schneller fahren darf“, erzählt Zuser. „Trotzdem darf man aber nicht Privatsheriff spielen.“ Das provoziere andere nur dazu, dem links fahrenden „Oberlehrer“ wiederum mit dichtem Auffahren oder Rechtsüberholen zu begegnen. „Das sind Situationen, bei denen es immer wieder zu schwersten Unfällen kommt.“

Bei der Verkehrspolizei rät man im Umgang mit Linksfahrern zu mehr Gelassenheit. „Ich kann nur appellieren, sich in Geduld zu üben, statt gefährliche Aktionen zu setzen“, so Zuser. „Wenn man es wirklich zusammenzählt, geht es um eine Zeitersparnis von wenigen Sekunden. Irgendwann wird der linke Fahrstreifen dann selbst vom hartnäckigsten Blockierer wieder freigegeben.“

Beate Macura, help.ORF.at

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30.07.2016